Zwei Hände – mehr nicht

Berührung ist für Menschen so wichtig wie Essen und Trinken

Berührung ist für Menschen so wichtig wie Essen und Trinken

Liebevolle Berührung ist für unser Wohlbefinden und unsere Gesundheit so wichtig wie Essen und Trinken. Vor fast 10 Jahren besuchte ich ein mehrtägiges Massageseminar, in erster Linie um mir selber etwas Gutes zu tun und einen Ausgleich für meine Dauerrufbereitschaft als freiberufliche Hebamme zu schaffen. Meine Vorstellung war, dass mich 5 Tage Rückzug aus dem Alltag des Beruf- und Familienlebens kombiniert mit körperlicher Entspannung wieder soweit regenerieren würde, dass ich wieder Freude und Kraft für die täglichen Dinge des Lebens haben würde.

Die Rechnung ging auf, wenn auch ganz anders als geplant.

Ich lud tatsächlich meine Batterien auf und hatte nach 5 Tage Massageseminar das Gefühl, 3 Wochen Urlaub gehabt zu haben. Das hatte ich fast erwartet, denn ich kannte als Hebamme die Kraft, die in einer achtsamten Berührung liegen konnte und oft mehr als hundert Worte ersetzte. Doch was danach geschah, liess mich selber staunen. Seit meinem siebten Lebensjahr plagten mich immer wieder anfallsartig Ängste, die mich nachts nicht schlafen ließen und mit deutlichen, körperlichen Symptomen wie Herzklopfen, Pulsrasen und Durchfall einhergingen. Sie wurden immer dann ausgelöst, wenn ich in irgendeiner Form das Gefühl hatte, Angst um meine Liebsten haben zu müssen. Es reichte also aus, dass meine Tochter sich um 10 Minute auf dem Nachhauseweg aus der Schule verspätete und mein vegetatives Nervensystem lief auf Hochtouren und mein Intellekt war vollständig ausgeschaltet. Mein Körper befand signalisierte höchste Gefahr und ich war machtlos dagegen.

Da mich diese irrationalen Ängste im Alltag sehr behinderten, hatte ich vieles versucht, um sie los zu werden. Gesprächstherapie in Einzel- und Gruppensitzungen, die Aufarbeitung meiner Familiengeschichte, Gestalttherapeutische Sitzungen, Meditation. All dies brachte mich der Erkenntnis näher, warum ich diese Angstzustände entwickelt hatte. Sie waren jedoch so eingebrannt in mein Körpergedächtnis, dass die Erkenntnis alleine nicht dazu führte, dass ich sie in den Griff bekam oder dass sie aufhörten. Mit 40 Jahren hatte ich es eigentlich aufgegeben, dagegen anzukämpfen und mich mit ihnen abgefunden.

Das Wunder geschah in den fünf Tagen meines Massageseminars. Meine Ängste waren danach wie weg geblasen. Ich erkannte dies erst nach einigen Wochen, nachdem ich mehrmals in Situationen geraten war, die mir vorher den Angstschweiß auf die Stirn getrieben hätten und die mich jetzt völlig ruhig und entspannt sein ließen. Ich war mehr als verblüfft, denn ich konnte mich nicht erinnern, während des Seminars irgendwelche besonderen Prozesse durchlaufen zu haben, die zu dieser Transformation geführt hatten. Ich ging noch mal in mich und versuchte heraus zu finden, was genau geschehen sein mochte. In erster Linie war ich von vielen Händen liebevoll berührt worden und hatte selber viel Hautkontakt geschenkt. In der Gruppe war eine Atmosphäre der gegenseitigen Annahme und des Vertrauens entstanden. Meine erste Erklärung war, dass diese fundamentale innere Veränderung dadurch stattgefunden hatte, das ich mich scheinbar wieder mit meinem Urvertrauen verbunden hatte, welches mir während meiner Kindheit abhanden gekommen war und das die Berührung der auslösende Faktor dafür gewesen war.

Doch wie konnte es sein, dass etwas so simples wie die achtsame Berührung durch liebevolle Menschen etwas in mir heilte, das sich bei zigfachen Therapiesitzungen und anderen Formen der Körperarbeit als Behandlungsresistent erwiesen hatte? Ich begann mich näher mit der Thematik zu beschäftigen und fand heraus, dass Berührung in direkter Form auf das Zellgedächtnis des Körpers Einfluss nehmen konnte und auf dieser Ebene etwas veränderte, was dem analytischen Verstand verschlossen war. Weitere Recherchen ergaben, dass Berührung an sich für uns Menschen scheinbar von weitaus größerer Bedeutung ist, als wir es uns in unserer derzeitigen Gesellschaft, in der Rationalität und Effektivität im Vordergrund stehen, eingestehen mögen. Denn vom Standpunkt der evolutionären Entwicklung aus betrachtet, sind wir in vielfacher Hinsicht doch noch einfache Primaten. Wir fühlen uns wohl, wenn wir uns einer Gruppe zugehörig fühlen und wenn wir über die Haut Kontakt haben. Fehlt ein oder sogar beide Faktoren, mangelt es uns an etwas, das wir kaum benennen können, aber dessen Fehlen einen direkten Einfluss auf unser subjektives Wohlbefinden und damit auf lange Sich auch auf unsere Gesundheit hat. Ein vages Gefühl von Einsamkeit stellt sich ein und kann sogar dazu führen, dass bei längerem Mangel depressive Verstimmungen oder manifeste Depressionen die Folge sind. Die Erklärung hierzu wird schlüssig wenn man bedenkt, dass jede schöne Berührung im Körper eine Kaskade positiv stimmender Chemikalien und Hormone in Gang setzt. So wird durch eine zärtliche Berührung das Bindungshormon Oxytocin ausgeschüttet, dass dazu führt, dass man sich miteinander verbunden fühlt und man das Gefühl hat, dass das Herz sich öffnet. In gleichem Maße nimmt die Ausschüttung von Stresshormonen wie Cortisol und Adrenalin ab.

Auch wissenschaftliche Studien unterstreichen die Bedeutung von positiver Berührung für unser Wohlbefinden. So hat der Psychotherapeut und Gesundheitswissenschaftler Andreas Stötter, MSc an dem Psychiatrischen Krankenhaus in Hall, Tirol eine Studie durchgeführt, in der Patienten mit mittelschweren Depressionen neben der klinischen und pharmakologischen Betreuung auch in einer Achtsamkeitspraxis unterwiesen wurden und erhielten in Sitzungen achtsame und liebevolle Berührung durch Massagen erfuhren. Im Vergleich zu der Kontrollgruppe, die ausschließlich konventionell behandelt wurde, schnitt die mit den zusätzlichen Behandlungen deutlich besser ab. Unter anderem verbesserte sich die emotionale Befindlichkeit, die Suizidgefährdung nahm ab, Einschlaf- und Durchschlafstörungen reduzierten sich und Ängste nahmen ab, alle in signifikanter Deutlichkeit im Vergleich zur Kontrollgruppe. Ein der Universität von Miami angeschlossenes Institut untersucht seit 1992 die Wirkung von Therapeutischer Berührung bei psychischen und körperlichen Erkrankungen und kommt zu demselben Ergebnis: In allen Untersuchungen, vom Säugling über Kinder, Jugendliche und Erwachsenen bis ins hohe Alter, konnte der positive Effekt von Berührung auf sowohl das Ausmaß der Erkrankung wie auch die Genesungszeit bestätigt werden (Touch Research Institute Miami).

Mich selbst hat meine eigene Erfahrung in Verbindung mit der nachfolgenden Recherche dazu bewogen, meinen Beruf zu wechseln und mich der Berührung von Menschen zu widmen. Auch in meiner Praxis erfahre ich, dass achtsame Berührung im wahrsten Sinne des Wortes „unter die Haut“ geht und wenige Sitzungen tiefgreifende Veränderungen bewirken können. Berührung gehört für uns Menschen zu den basalen Grundbedürfnissen wie Essen und Trinken oder das Bedürfnis nach Liebe und Anerkennung und kann, im passenden Rahmen und mit der notwendigen Aufmerksamkeit gegeben, sogar Defizite aus der Vergangenheit auslöschen. Da der Körper selbst zwar ein Zellgedächtnis hat, dieses aber nicht an das lineare Zeitempfinden gekoppelt ist, ist es  nie zu spät, Berührung als Komponente für das eigene Wohlbefinden in seinen Alltag einfließen zu lassen.

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