Wir berühren uns zu wenig

Wir berühren uns zu wenig

Wir berühren uns zu wenig

Verkümmertes Bedürfnis: Wir berühren uns zu wenig – „Touch“ kommt kaum mehr ohne den Zusatz „Screen“aus – der Computer hat unsere Sinne verkümmern lassen. Dabei bräuchten wir mehr Körperkontakt. Es ist paradox, sagt Cem Ekmekcioglu. „Touch“, das Wort für Berührung, komme uns heute vor allem mit dem Zusatz „Screen“ über die Lippen.

Im Bett werden Mails gecheckt, Bussis, Umarmungen als Grußformel verschickt – und indes wird vergessen, diese tatsächlich zu verteilen.

„Wenn ich in der U-Bahn fahre, streichen vier von zehn Leuten über ihre iPhones oder iPads. Investiere ich zehn Minuten am Tag, um statt über Flüssigkristalle über meinen Partner zu streicheln, kann ich viel Gutes tun“, sagt der Wiener Facharzt für Physiologie.

Ohne Berührung würden wir nicht existieren, erst durch sie lernen wir, uns selbst wahrzunehmen. Wirtschaftspsychologen haben Berührungen längst als Verkaufstrick entdeckt. Doch wir selbst nutzen den taktilen Sinn immer weniger. Es sei, so Ekmekcioglu, ein Dilemma der Onlinegesellschaft. Online geht alles – außer Berühren. Gemeinsam mit der Journalistin Anita Ericson hat er ein populärwissenschaftliches Plädoyer fürs Kuscheln, für mehr Berührung im Alltag und als Therapie geschrieben. Im Buch „Der unberührte Mensch“ warnt er vor Vereinsamung durch Berührungslosigkeit.

Berührung schafft das Ich. Klingt banal? Kinder entwickeln erst durch Berührungen der Haut eine Vorstellung vom „Ich“, legen ihr Körperschema fest. Was innerhalb ist, das ist Ich, alles andere das Nicht-Ich. Berührungen lassen Halt im Leben finden, Depression, Einsamkeit, soziale Ängste – all das könne mit Berührungsarmut zusammenhängen, sagt Ekmekcioglu. Der Tastsinn entwickelt sich als einer der ersten Sinne und bleibt fast ungetrübt im hohen Alter erhalten. Und doch vergessen wir ihn, meint er. Auch die Verbindung zwischen Berührung und Gesundheit sei kaum erforscht. Eine der wenigen Arbeiten, das Standardwerk „Körperkontakte“ (Ashley Montagu, 1971) kommt zum Schluss, Berührungen seien für die Entwicklung eines Kindes lebenswichtig, so wichtig wie Nahrung. Während Kinder einen natürlichen Zugang zu Berührung haben, wachsen mit dem Alter die Barrieren. Der Sinn verkümmert, Berührungen beschränken sich oft auf die Sexualität. Besonders alte Menschen werden zu Unberührten. Partner sterben, andere wieder scheuen vor der faltigen Haut zurück.

Berührungslosigkeit, so Ekmekcioglu, sei schwer zu erkennen. Versuche aber zeigen einen deutlichen Effekt therapeutischer Berührung auf den Gesundheitszustand, etwa bei Demenzpatienten. Massagen lösen psychische Blockaden, Körperkontakt hilft gegen Aggression – Versuche haben erstaunliche Effekte auf aggressive Kleinkinder durch zehnminütige Massagen gezeigt. Studien der Forscherin Tiffany Field bei aggressiven Jugendlichen und Schülern mit Diagnose ADHS brachten ähnliche Resultate. Auch die Sterblichkeitsraten von Frühchen sind gesunken, seit die „Minimum Touch“-Strategie aufgegeben wurde und Frühchen auch auf der Brust ihrer Mutter liegen dürfen.

Und freilich lässt sich durch Berührungen vorzüglich manipulieren. Kellnerinnen oder Verkäuferinnen setzen nachweislich mehr um, wenn sie Kunden am Arm streifen. Selbst Berührungen, die nicht auffallen, schaffen Sympathie und Vertrauen. Bei einem Experiment waren Passanten, die man beiläufig berührt, viel eher bereit zu helfen als Unberührte. Auch ohne manipulative Absicht, Berühren hält Paare zusammen. Selten heißt der Trennungsgrund Berührungsarmut, doch unterschwellig, so Ekmekcioglu, sei diese meist Begleiter einer Trennung. In der Honeymoon-Phase – sie dauert wissenschaftlich belegt rund drei Jahre – sorgt neben Testosteron und Dopamin das „Kuschelhormon“ Oxytocin für den Rausch der Verliebtheit. Später sinkt die Lust auf Berührungen und damit der Oxytocin-Spiegel. Dabei gilt gerade dieser als Schlüssel zum Glück, er sorgt für Paarbildung, mütterliche Fürsorge und scheint, so zeigen Tierversuche, monogames Verhalten zu fördern. 

Kuscheln für die Monogamie. „Berührungen verbessern spielend leicht die Qualität der Partnerschaft“, sagt Ekmekcioglu. Auf Distanz ist das noch ein Problem. Findige Geister tüfteln bereits an Methoden, um taktil Distanzen zu überbrücken. Das Hug-Shirt mit Sensoren, das Berührungen via Handy an das Hug-Shirt des Partners übertragen kann, ist bereits auf dem Markt.

Und es gibt sie doch, die Chancen auf Berührung. Mit der Wellnessindustrie boomt eine Branche, die über Körperkontakt arbeitet. Unberührte Städter finden Zuflucht bei Kuschelpartys, in der Kranken- und Altenpflege ist Berührungslosigkeit heute ein Thema. Auch ein „früher war es besser“ wäre unangebracht. Zwar haben enge Räume früher eine „Nahkultur“ geschaffen, doch mangelte es lange an liebevoller Zuwendung. Soziologen berichten von rüdem Umgang mit Kindern, epidemischem Missbrauch und brutaler Sexualität bis vor wenigen Jahrzehnten.

Heute ist Ekmekcioglu trotz Single-Welt, Berührungsarmut und hochgradiger Übervorsicht – Stichwort sexuelle Belästigung – zuversichtlich: Das Bewusstsein für die Macht der Berührung wächst. Zum Hausgebrauch empfiehlt er 20 Minuten Kuscheln am Tag. Zwar variiert der Bedarf individuell, in Studien haben aber 20-minütige Massagen deutlich positive Effekte gezeigt. Und es ist eine Zeitspanne, die man auch ohne große Mühe oder Entzug dem „Touch“ ohne „Screen“ widmet kann.

von Christine Imlinger

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 12.08.2012)

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