Wenn Berührung Strafe ist

Tantramassagen bei Menschen mit Behinderung

Ein Leben mit Muskelschwund

Für Harald*(46) ist Berührung nicht das, was es für die meisten Menschen bedeutet. Sie ist ein notwendiges Übel, denn für viele Handgriffe des täglichen Lebens wie Anziehen, Duschen oder ins Bett gehen ist er auf fremde Hilfe angewiesen. Er leidet seit frühester Kindheit an Muskelschwund, einer genetischen Disposition die in seinem Fall dazu geführt hat, dass er auf den elektrischen Rollstuhl angewiesen ist und nur noch Oberkörper und die Arme eingeschränkt bewegen kann. 

Wie bei Muskelschwund üblich, bleibt die Empfindungsfähigkeit jedoch voll erhalten. Ich hatte das große Glück, ihn vor kurzem massieren zu dürfen und habe dadurch überhaupt erst einen Einblick bekommen in die vielfältigen Herausforderungen, denen sich Menschen mit körperlichen Einschränkungen stellen müssen. Ausgiebig habe ich mit ihm darüber gesprochen was es bedeutet, auf das Anfassen durch fremde Hände angewiesen zu sein. Sehr anschaulich hat er schildern können, dass Berührung für ihn eine völlig andere Bedeutung hat, als für die meisten gesunden Menschen die Berührung als etwas Positives erleben dürfen. Da er sehr stark auf fremde Hilfe angewiesen ist, wird er zig Mal am Tag angefasst und muss dafür auch genaueste Anweisungen geben. Diese Form der Berührung hat nichts mit Zärtlichkeit zu tun, sondern ist einfach eine Abfolge funktioneller Handgriffe, denen er sich passiv gegenüber sieht. Eine permanente Erinnerung daran, dass er sich nicht selbst helfen kann. Umso dankbarer ist er für jedes Hilfsmittel, welches ihm ein größeres Ausmass an Autonomie ermöglicht, so wie es sein elektrischer Rollstuhl tut.

Sehr spannend war für uns beide die Frage, wie er die Massage empfinden würde und wie sie auch für mich ablaufen würde. Denn unter der Massage konnte er nicht, wie andere Gäste, die Position wechseln. Die logistischen Herausforderungen ließen sich nach ein paar kreativen Ideen leicht bewältigen und der Massage selbst sah ich gelassen entgegen, da ich mich auch sonst immer auf meine Intuition verlasse und es niemals  „Die“ Tantramassage bei uns gibt. Sehr schnell war der Einstieg gefunden und ich war binnen kürzester Zeit im „Flow“. Sehr tief berührt hat mich die Tatsache, dass er augenscheinlich die meisten meiner Berührungen tief genoss und sich eine sehr tiefe, nonverbale Kommunikation ergab, auf einer Ebene, die ich mit dem Verstand nicht mehr greifen konnte. An vielen Stellen schien ich intuitiv zu wissen, wann und wo welche Berührung angenehm war und wann ich ein Bein anders zu lagern hatte, ohne dass er etwas sagen musste. Er tauchte tief ab und die 2,5 Stunden Massagezeit verging für uns beide wie im Flug.

Danach waren wie beide still, denn es hatte sich etwas bewegt während dieser Massage, das man nicht in Worte fassen, wohl aber mit dem Herzen spüren kann. Aus der Erinnerung heraus glaube ich, dass wir auch im Nachhinein nicht allzu viel geredet haben bei der Verabschiedung.

Es dauerte jedoch nicht lange und bei mir purzelten die Gedanken wieder los: Wenn die Tantramassage schon für körperlich gesunde Menschen eine solche Bereicherung darstellt, wie sehr muss dies erst der Fall sein bei Menschen, deren Selbstbild an vielen Stellen über den Mangel definiert ist und deren körperliches Empfinden durch die Einschränkung stark geprägt ist. Was für andere Menschen eine Quelle der Lust ist – ihre Sexualität, ist je nach Grad der Behinderung gar nicht oder nur eingeschränkt ohne fremde Hilfe möglich. Und wen soll man bitten, einen in der Sexualität zu unterstützen, falls man nicht, wie Harald das Glück hat, verheiratet zu sein? Die Assistenten, die einen sowieso Tag aus Tag ein bei den intimsten Vorrichtungen begleiten? Ein völliges No-Go, denn die Intimsphäre ist sowieso stark eingeschränkt und muss nicht noch weiter geteilt werden. Und was machen die Menschen, die weiterhin als Erwachsene bei ihren Eltern wohnen und denen es nie möglich war, eine gesunde Ablösung aus der Eltern-Kind-Rolle zu erfahren? Oder Jugendliche mit Muskelschwund, die nicht am altersüblichen sozialen Leben wie Parties, Disco etc.  teilhaben und denen daher ein Stück Lebenserfahrung für ihren weiteren Weg fehlt? All diese Gedanken und der weitere Austausch mit Harald haben mich dazu bewogen, mich näher mit der Thematik zu beschäftigen und daraus sind Schritte entstanden, die wir in meinem Unternehmen Anlea nach und nach umgesetzt haben.

Wir haben begonnen, Menschen mit körperlichen Einschränkungen gezielt auf unserer Webseite anzusprechen. Aus meiner langjährigen Erfahrung sowohl als Hebamme wie auch als Masseurin weiß ich, dass die passende Berührung zum richtigen Zeitpunkt wahre Wunder wirken und 100 Worte ersetzen kann. Die neueste wissenschaftliche Forschung bestätigt dies auf allen Ebenen. Es werden sowohl viele Glücks- und Bindungshormone wie das Oxytocin ausgestoßen, als auch Gene auf neue Art und Weise aktiviert.  Wenn sich jemand geliebt, angenommen und gleichzeitig zärtlich berührt fühlt, ändert es die körpereigene Chemie. Damit beeinflusst es das körperliche und seelische Wohlbefinden nicht nur unmittelbar, sondern führt auch tatsächlich zu nachweisbaren und messbaren Effekten: Die Gehirnströme verlangsamen sich und werden kohärenter, die hormonelle Lage des Körpers verbessert sich, der Körper kann von Stress auf Erholung und Regeneration schalten.

Ich bin der festen Überzeugung, dass jede intuitive Massage einem Menschen mit körperlicher Behinderung  so viel Wohlbefinden verschaffen kann, dass sie in regelmäßigen Abständen angewandt, sehr positive Auswirkungen auf  das Voranschreiten einer Erkrankung hat. Sämtliche Forschungsergebnisse, die die Zusammenhänge zwischen  liebevollen Massagen und diversen Erkrankungen untersucht haben, deuten alle in die selbe Richtung: Der Körper gerät in eine größere Balance, Rekonvaleszenz-Zeiten verkürzen sich und Menschen brauchen weniger Schmerzmittel, da der Körper eigene Opiate zur Verfügung stellt. Je mehr wir im Laufe der nächsten Jahrzehnte verstehen werden, wie Körper, Geist und Seele zusammen hängen und sich gegenseitig und wechselseitig beeinflussen, desto größer werden Behandlungserfolge sein, denn der Körper kann nicht isoliert vom psychischen und seelischen Wohlbefinden betrachtet werden.

Meine derzeitige Ausbildung in Integraler Medizin an einer amerikanischen Universität versetzt mich immer mehr in die Lage, diese Zusammenhänge besser zu begreifen und sie in meine Arbeit und die meines Teams einfließen zu lassen.

Eine weitere Massage, die ich mit Harald hatte, verlief vielleicht noch intensiver als die erste, denn der Faktor des Unbekannten fiel weg. Mein Eindruck ist, dass auf einer subtilen Ebene das Urvertrauen wieder gestärkt wird, das einem in so einer Situation gehörig abhanden kommen kann.

Ich freue mich auf weitere Massagen und darauf, noch mehr Menschen mit Behinderung bei uns begrüßen zu dürfen. Denn der Ausdruck: „Mens sana in corpore sanum“ – in einem gesunden Körper wohnt ein gesunder Geist – hat für mich seit dieser Erfahrung nur noch eingeschränkten Wahrheitsgehalt.

* Name von der Redaktion geändert

 

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