Tantra und der Tod

Blogbeitrag von Janine bei Anlea

Tantra und der Tod

In sechs Tagen wäre mein Bruder 39 Jahre alt geworden. Geschenkt haben wir uns zu unseren Geburtstagen schon lange nichts mehr. Aber wir haben an diesen Tagen immer telefoniert. Dieses Jahr kann ich ihn nicht anrufen. Mein Bruder ist im September verstorben.

Letztes Jahr im Juni wurde bei ihm Darmkrebs diagnostiziert. Es folgten intensive Monate – für ihn und für die ganze Familie. Monate voller Verlustangst und Sorgen, oft auch voller Hoffnung. Ich war ihm in dieser Zeit nah wie nie. Wir haben viele innige Gespräche geführt, waren sehr ehrlich miteinander. Wir nannten uns Bruderherz und Schwesterherz.

Als ich die Nachricht vom Tod meines Bruders erhielt, war es 20:45 Uhr. Ich saß mit einer sehr guten Freundin beim Italiener. Mein Vater hatte mich am Nachmittag informiert, dass mein Bruder wahrscheinlich noch in dieser Nacht sterben würde. Ich war vorbereitet. Wir tranken sehr guten Rotwein und unterhielten uns über das Leben. Es war ein guter Moment, als mein Vater anrief und mir berichtete, dass mein Bruder gestorben ist. Die Nacht war warm und sternenklar und meine Freundin und ich standen noch eine Weile zusammen, rauchten einen Zigarillo und wünschten ihm gemeinsam eine gute Reise. Später saß ich noch lange auf dem Balkon und nahm Abschied. Alleine. Mit mir, den Sternen und einem großen Glas Cardenal Mendoza. In meiner Familie das Getränk für besondere Momente.

Mein Bruder ist in den Armen meines Vaters gestorben. Zuhause, in einem Zimmer, welches er erst kurz vor seinem Tod bezogen hatte. Ein Zimmer mit wunderschöner Aussicht. Er hatte ganz bewusst entschieden, sich nicht operieren zu lassen. „Entweder er (der Krebs) oder ich.“ Er wollte seinen Körper nur bedingt den Ärzten anvertrauen. Er hatte Angst vor dem Ende, vor der Endgültigkeit. Und er hatte noch viele Pläne. Aber es kam anders.

Wenn der Tod meines Bruders mir eines gezeigt hat dann, dass es unsere Pflicht ist, unser Leben so zu leben, dass wir glücklich sind. Die Dinge zu tun, die wir aus ganzem Herzen tun wollen. Ich sage bewusst, es ist unsere Pflicht. Weil das Leben so kurz ist und weil nur wir ganz allein dafür verantwortlich sind, unsere Wünsche zu erfüllen.

Oshos Worte aus „Vom Leben und Sterben“ haben mir damals sehr geholfen: „Nutze den Moment des Todes anderer – es ist eine große Gelegenheit. Nutze alles als Gelegenheit. Sitze an der Seite von Sterbenden. Sei still dabei und meditiere. Lass ihren Tod einen Hinweis für dich sein, damit du dein Leben nicht weiter verschwendest. Dasselbe wird mir dir geschehen.“

Und so habe ich die Zeit mit meinem Bruder als heilige Zeit empfunden und die Tatsache angenommen, dass ich ihn nicht mehr lange um mich haben werde. Rückblickend sehe ich es als Gnade an, dass ich ihm in den letzten Monaten so nah sein durfte.

Eine Gnade waren auch die zwei Trantramassagen, die ich in dieser Zeit genossen habe. Mein müder und trauriger Körper mit all seinem Schmerz wurde liebevoll gestreichelt, durfte sein. Jede Zelle konnte loslassen. Der Schmerz wurde weggestreichelt. Ich wurde ruhig, musste nicht stark sein.

Das ist es, was für mich eine Tantramassage (auch) ausmacht: Das liebevolle Begleiten, das Akzeptieren dessen, was ist. Absichtslos den Moment annehmen und nicht verstehen wollen.

Das habe ich auch in dem Tantra- und Meditationsseminar kennengelernt, welches ich nach dem Tod meines Bruders mitmachte. Wir waren insgesamt sieben Menschen die, ohne sich vorher zu kennen, für sieben Tage zusammenfanden und sich begleiteten. Das Seminar war geprägt von liebevollem Annehmen und dem Wunsch aller Teilnehmer, sich gegenseitig zu begleiten. Bei allem was sich offenbarte. Und durch die liebevolle Berührung, die wir uns gegenseitig schenkten, offenbarte sich vieles, wurde viel gelöst.

Jeden Morgen meditierten wir eine Stunde zusammen und diese Momente der Ruhe und inneren Einkehr verstärkten unser Gruppengefühl. Wir waren in uns selbst allein, aber aufgefangen durch die wunderbare Atmosphäre der gemeinsamen Konzentration.

Ich habe einmal gelesen, dass wir immer nur einen kurzen Blick auf unsere Seele werfen sollten. Als wenn ein Tuch über ihr liegen würde und ab und zu wird das Tuch von einem Luftzug bewegt und wir dürfen einen Blick auf sie erhaschen. Und dann darf das Tuch sie wieder abdecken. Das in unserer Zeit so übliche klinische Licht der Psychologie, der kritische Blick des Verstehen wollens, ist oft viel zu viel für unsere zarten Seelen. Stattdessen ist es der liebevolle, annehmende Blick der Göttlichkeit, der uns tröstet.

So ähnlich habe ich meine Reise in dieser Tantrawoche wahrgenommen. Wir haben immer mal wieder einen Blick auf die Seele einzelner Teilnehmer werfen dürfen. Es waren liebevolle, respektvolle Blicke. Und dann wurde die Seele wieder zugedeckt und durfte einfach sein. Wir begleiteten einander nur und trösteten uns.

Ich habe das Seminar nach dem Tod meines Bruder gemacht. Aber das liebevolle Begleiten habe ich schon vorher versucht. Ich hoffe, es ist mir gelungen. Ich hoffe, ich konnte seinen Schmerz über die bevorstehende Endgültigkeit, den Abschied vom Leben wenn schon nicht lindern, dann wenigstens mittragen.

Ich für mich habe die Gelegenheit genutzt und ganz bewusst den Tod in meinem Leben aufgenommen. Er ist jetzt täglich bei mir und begleitet mich. Ich frage mich mindestens einmal am Tag, ob ich jetzt gehen könnte und ob ich es mit dem Gefühl tun könnte, mein Leben gelebt zu haben. Und die Antwort ist meistens ja. Das ist ein schönes Gefühl, welches mich durch schwierige Momente trägt.

Bruderherz, ich danke dir für diese Erfahrung. An deinem Geburtstag werde ich nicht auf dem Balkon sitzen. Es ist zu kalt. Aber ich werde wieder ein großes Glas Cardenal Mendoza genießen und an dich denken.

Janine 

Ein Kommentar zu Tantra und der Tod

  1. hallo liebe janine,
    deine geschichte hat mich nochmals berührt – ich hatte sie schon wieder halb vergessen – und mich an unser miteinander geteiltes wunderschönes seminar erinnert, ans sich achtsam begleiten in dem moment, herauasfinden was der, die andere braucht, will und ob/ wie (weit) man es geben kann.
    so entstand wirkLiche nähe wie ich sie danach, jetzt, oft vermisse, weil sie eben nicht „normal“ ist. es ist leider nicht normal sich im moment der begegnung zeit und ruhe zu nehmen sich wirkLich wahr-zu-nehmen. dass ich das aber erfahren durfte – dass ich nun weiss wo ich hin will, wie es sein kann, dafür danke ich euch allen nochmal.
    und natürlich clea und thomas, die den raum dafür öffneten
    ;-***
    ella

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