Tantra – Das missverstandene Phänomen

Tantra-das missverstandene Phänomen

Tantra-das missverstandene Phänomen

Was heute alles unter Tantra verkauft wird, 

ist geradezu köstlich. Tantramassage ist gerade hipp, wird über RTL und Pro7 vermarktet und auch schon für wenig Geld und von jungen Masseurinnen an allen Ecken und Enden des Landes angeboten. Wer hier den kurzen Kick sucht, ist genau richtig.

Man wird ein wenig massiert, der Druck wird abgebaut und man zieht zufrieden und für den Moment erleichtert von Dannen. Mit Tantra hat es aber nun so überhaupt nichts zu tun. Ehrlich wäre es, diese Art der Massage als das zu verkaufen, was sie ist:

eine Erotik-Massage mit warmem Öl und Federn.

Doch alleine die Tatsache, dass sich so viele Medien um die Tantramassage bemühen zeigt, dass es hier scheinbar eine große Sehnsucht gibt. Die Sehnsucht nach tiefer Erfahrung, nach Verbundenheit, nach Angenommensein und danach, sich fallen lassen zu können. Endlich Stille in sich zu spüren statt den Krach ständiger Gedanken im Kopf zu haben. Aus der Geschäftigkeit und dem Tun in das Nichtstun und darüber in das Sein zu kommen. Wieder anzudocken an das, womit wir auf die Welt gekommen sind: die ursprüngliche und übersprudelnde Kraft der Lebendigkeit und Freude. Den eigenen Körper wieder zu spüren und darüber vielleicht sogar seelische Wunden zu heilen. Verletzende Erfahrungen durch heilende Berührung zu transformieren. Mit anderen Worten: Die Lebendigkeit  in sich auf allen Ebenen des Seins wieder zu entdecken. Tantramassage in diesem Zusammenhang auf die rein körperliche Erfahrung der eigenen sexuellen Energie zu reduzieren, ist viel zu klein gedacht. Es geht – oder kann – um viel mehr gehen.

Die sexuelle Energie ist eine der stärksten Triebfedern des Menschen und der Natur überhaupt. Ohne sie gäbe es kein Leben auf der Erde, keine Entwicklung und Evolution. Sie ist ein Aspekt der schöpferischen Kraft die sich in allem, was wir erschaffen, offenbart. Ob es jetzt der Bau eines Hauses, das Malen eines Kunstwerkes oder die Gestaltung einer wirklichen Begegnung mit einem Menschen auf körperlicher oder geistiger Ebene handelt. Oder um die Zeugung eines Kindes: Es ist immer diese Quelle der Schöpferkraft, die da aus uns spricht und die sich dem Prozess hingibt, statt ihn kontrollieren zu wollen. Deshalb ist es auch so unglaublich nützlich, wenn diese Kraft in unterschiedlichen kulturellen Kontexten kontrolliert, unterjocht, verbrämt oder kanalisiert wird. Jedes Glaubens- oder Wertesystem, welches die sexuelle Energie verteufelt hat zum Ziel, über andere zu herrschen und sie sich untertan zu machen. Es ist ein Instrument der Macht und schneidet den Menschen von seiner Quelle ab, macht ihn manipulierbar, verstört, ängstlich und unfrei. Denn er glaubt, was da in ihm als Lebenskraft pulsiert und sich körperlich in sexuellem Begehren, Entdeckerfreude und dem Wunsch nach Begegnung ausdrückt sei schlecht – und damit er selber an und für sich schlecht. Viele Weltreligionen haben dies instinktiv gewusst und sich zu Nutze gemacht. Und nur scheinbar leben wir heute in einer freien Kultur, in der der Ausdruck sexueller Kraft gefördert wird. Die Tatsache allein, dass es Aufklärungsunterricht und die Pille gibt und die 68er Generation die freie Liebe propagiert hat macht es einfacher sexuelle Abenteuer zu erleben und diverse Spielarten auszuprobieren. Sie hat jedoch immer noch nichts zu tun mit dem Wissen um wahre Begegnung und Intimität, die über guten Sex weit hinaus geht. Und selbst der gehört bei den meisten Menschen nicht zum Alltag sondern kommt eher zufällig hin und wieder vor.

Worum es im Tantra eigentlich geht ist die Erfahrung der Ganzheit, die durch die Vereinigung des männlichen und des weiblichen Prinzips entsteht. Nicht über den Körper des Anderen, wie man meinen könnte, sondern zuallererst in sich selbst. Tantra ist somit ein universelles Prinzip welches keine kulturellen Grenzen und Glaubensrichtungen kennt und schon gar nicht auf eine östliche Philosophie oder Religion reduziert werden kann. Es kommt als Prinzip überall auf der Welt vor und ist einfach eine in jedem Menschen innewohnende Ordnung, welche nach Erfüllung strebt. Auf der körperlichen Ebene drückt sie sich aus als die Sehnsucht nach dem anderen (oder eigenen Geschlecht) – aber immer ist die polare Kraft gemeint, die aus zwei Hälften erst ein Ganzes entstehen lässt. Diese Hochzeit von Mann und Frau muss jedoch in uns selbst stattfinden. Alles andere ist die Kompensation über den Partner und weit verbreitet, für das innere Wachstum jedoch wenig förderlich und das eigentliche Übel, welches sich als Beziehungsproblematik unter den Geschlechtern wie ein roter Faden durchzieht.

In unserer westlichen Kultur hat vor allem C.J. Jung hier Pionierarbeit geleistet, indem er dieses Prinzip selber erfahren und dann zum Ausdruck gebracht hat, sowohl in seinen Schriften wie in seiner klinischen Arbeit. Er hat die Welt bereist und gesehen, dass unabhängig von der Kultur die Entwicklung des Menschen nach immer derselben Ordnung und in bestimmten Stufen verläuft und hat dieses Wissen in eine für uns verständliche Sprache für den modernen Menschen übersetzt und uns damit einen unschätzbaren Dienst erwiesen. In den Märchen findet sich dieses Wissen übrigens Eins- zu Eins wieder und ist immer da gewesen – denn sich Geschichten zu erzählen gehört zu dem, was die Menschen schon immer gemacht haben, früher am Lagerfeuer. Heute ist leider der Fernseher der Ersatz dafür. Die Bilder, die beim Geschichten-Erzählen dabei im Kopf entstehen sind das, was uns fesselt. Denn hier findet sich die Wahrheit dessen, was jeder erlebt in seinem Leben in einer universellen Sprache wieder. Dem weiblichen und männlichen Prinzip entsprechen in den Märchen häufig der Prinz und die Prinzessin, die sich finden müssen, heiraten und zu guter Letzt  Königin und König werden und glücklich sind bis an ihr Lebensende. So gut wie immer finden Märchen zu einem guten Abschluss und zeigen uns somit auf, dass es Hoffnung gibt und alles zu einer glücklichen Vollendung kommen wird. Wenn wir das das männliche und weibliche Prinzip in uns finden und vermählen.

Die Tantramassage kann auf diesem Weg der Entwicklung ein kleiner Mosaikstein sein, der die Erfahrung auf die körperliche Ebene bringt und unsere Lebendigkeit in Fluss bringen kann. Wir können unseren männlichen oder weiblichen Körper als das erfahren, was er im besten Falle ist: Ein Tempel der Lust, der Energie und der Freude. Indem wir nicht in Beziehung zu einem Liebespartner treten, sondern uns ganz auf uns konzentrieren, erleben wir eine Nähe und ein Umsorgt-Sein wie wir es als Kind vielleicht das letzte Mal hatten. Wir können uns fallen lassen und vertrauen. Wir können dem begegnen, was sich zeigen mag, egal ob alte Verletzung oder Lust. Wir wissen, dass wir begleitet werden und der Prozess nicht vorher bestimmbar ist. Dass es um Entfaltung geht und nicht um ein Ziel. Wir können lernen, uns vom Atem tragen zu lassen, ihn wieder zu spüren und in Fluss zu kommen. Wir haben im Massagetherapeuten ein männliches oder weibliches Gegenüber, welches unsere Grenzen in jedem Falle wahren wird und uns nur so weit begleitet, wie wir zu gehen bereit sind. Über die Langsamkeit kann Ekstase wieder erfahrbar werden und manchmal sogar die Grenzen der Körperlichkeit sprengen. In jedem Fall aber kann es die Versöhnung mit dem anderen oder eigenen Geschlecht einleiten, je nachdem was dran ist.

Eine Frau kann sich in ihrer Weiblichkeit erfahren und über die respektvolle und behutsame Berührung ein Blütenblatt nach dem anderen in sich entfalten. Ein Mann kann spüren wie es ist, die männliche Kraft in sich aufsteigen zu fühlen und sie nicht in Aktionismus zu verwandeln, sondern sie für sich selber nutzbar zu machen und zu steigern, sie in einer Tiefe zu erfahren, die sonst nicht möglich ist. Er kann die Frau in sich erfahren, da er passiv bleibt und spürt was es bedeutet, sich hinzugeben und nichts zu tun. Jeder kann sich selbst und seine sexuelle Kraft besser kennen lernen, erfahren was ihm besonders gut gefällt und den Körper und die Sinne anregt aber auch, was ihn tief berührt.

Nur wer sich selber gut kennt und in vielen Aspekten erfahren hat,  kann dem Anderen seine Wünsche vermitteln, ist satt und kann sich verschenken und frei werden für eine wirkliche Begegnung. Solange Altlasten unerfüllter Sehnsüchte in uns schlummern, wir nur angelernte und eingefahrene sexuelle Muster kennen und nicht eine Fülle  körperlich schöner Erfahrung in uns tragen, können wir uns dem Gegenüber nicht wirklich widmen, denn wir sind und bleiben dann Abhängige unserer eigenen Bedürftigkeit.

Diese Bedürftigkeit ist es häufig auch, die unser Partner oder unsere Partnerin instinktiv spüren und irgendwann nicht mehr bereit sind zu erfüllen. Denn auf einer ganz tiefen Ebene  wird dann bewusst, dass es gar nicht um die Begegnung sondern um das Stopfen emotionaler Löcher geht. So gibt es immer wieder Männer, die sich nach der weiblichen Brust sehnen und den Frauenkörper dazu gebrauchen, um sich selber wieder lebendig und verwurzelt zu fühlen. Ihr Ego wird befriedigt, wenn sie Frauen einen, zwei oder besser gleich mehrere Orgasmen bescheren.  Auf der anderen Seite gibt es Frauen, die über das Begehrt-Werden ihr eigenes Selbstbewusstsein füllen und über den Ausdruck ihrer körperlichen Reize Männer manipulieren und gängeln wollen. Genauso finden sich die Männer und Frauen, die über die sexuelle  Verweigerung ihre Macht in der Beziehung ausüben. Zwei Seiten derselben Medaille, die alle die dunklen Aspekte des Frau- und Mannseins wider spiegeln. Um es klar zu machen: Wir alle tragen diese Aspekte in uns und wir haben sie in der ein oder anderen Art und Weise  für uns genutzt und schon gelebt. Es ist menschlich und lässt sich gar nicht vermeiden. Wir können jedoch, wenn wir erwachsen sind, unsere Verhaltensweisen und inneren Muster überprüfen und beginnen, sie uns bewusst zu machen uns zu verwandeln.

Die Tantramassage kann also ein Weg tiefer Selbsterfahrung sein und ist eine Möglichkeit, uns wieder in die Eigenverantwortlichkeit zu bringen und uns erst mal um sich selber kümmern, den eigenen Vorgarten sozusagen aufräumen und zum Blühen bringen. Gute Massagetherapeuten sind in der Lage, auf Wunsch solche Prozesse zu begleiten und Inspirationen für eine erfülltere eigene Erfahrung und das partnerschaftliche Miteinander anzubieten. So kann die Tantramassage sowohl eine einfach lustvolle Erfahrung sein, die uns die Schönheit des Lebens wieder offenbart und auf Wunsch auch ein Weg hin zu tiefer Erkenntnis über uns selbst.

Aus dem Wissen über die größeren Zusammenhänge bieten wir  bei Anlea daher neben den reinen Massagen auch Massage- und Gesprächs-Coachings an und begleiten Sie – wenn Sie möchten – in dem  Prozess hin zu einem erfüllteren Sein, egal ob auf der körperlichen, geistigen oder seelischen Ebene.

Clea Nuss-Troles

Foto: Anlea

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