Neulich auf Mallorca

FotoNeulich sass ich auf einem hübschen kleinen Marktplatz des Städtchens Algaida und trank meinen Mango-Milchshake. Es war Vatertag, der Himmel blau, die Luft sehr angenehm und hunderte von Rennradfahrern bevölkerten dieses hübsche Fleckchen Erde und kämpften sich mit ihren strammen Waden den Berg zum Kloster Cura hinauf. Drei der „Jungs“ im mittleren bis gesetzten Alter, die diese Tour scheinbar schon hinter sich hatten, setzten sich an den Nebentisch und bestellten auf recht ordentlichem Spanisch ihr Bier, ihren Kaffee und Nudeln. Dann entspann sich die Unterhaltung auf Deutsch weiter…

Ich konnte nicht anders als zuhören, da ich nur 2 Meter entfernt sass. Die Unterhaltung drehte sich darum, dass dieses Jahr weniger Radler unterwegs waren, dass das Wetter sehr ordentlich sei und wann wer das nächste Rennen fahren würde. Nichts spannendes für mich und meine Aufmerksamkeit schweifte wieder zu meinem Buch, das ich auf dem Schoß liegen hatte.

Dann schnappte ich auf, dass die drei Männer scheinbar etwas in Zeitdruck waren, denn ihre Ehefrauen warteten in Palma auf sie und später am Abend war man zum Abendessen verabredet. Einer der Männer griff zum Telefon: „Ja, Schatz, es geht uns gut. Hast Du Regine schon getroffen?“ Sprechpause beim Zuhören… „Ja, Schatz, wir haben hier ein kleines technisches Problem, nichts ernsthaftes, aber mit 16:15 Abfahrt wird nichts, wir starten hier so gegen 17:00 Uhr…“

Mir fiel mein Milchshake fast aus der Hand. Da sassen drei erwachsene Männer und trauten sich nicht zu sagen, dass sie einfach eine etwas längere Pause machten und es genossen miteinander zusammen zu sein – fernab von der Welt ihrer Frauen. Einen kurzen Moment durchzuckte mich der Impuls den Herrn, der das Telefonat geführt hatte anzusprechen und zu fragen, warum er sich nicht traute, seiner Angetrauten die Wahrheit zu sagen? Sie waren schließlich nicht mit irgendetwas unterwegs, war auch nur halbwegs unter verrucht hätte fallen können. Sie saßen einfach nur in der Sonne und machten ihre verdiente Pause.

Ich sprach ihn nicht an weil ich dachte, dass ihn das vor seinen Kollegen blamieren könnte. Aber ich versuchte nachzuspüren, was da wohl vorging. Es fühlte sich an, als hätten Jugendliche gerade mal ein bisschen Freiheit geschnuppert und würden sich jetzt bei ihrer Mutter mit Ausreden entschuldigen, dass sie diese Erfahrung noch ein wenig in die Länge ziehen wollten.

Mir wurde ganz anders. Nicht nur weil ich das Gefühl hatte, dass der Frau ein Unrecht geschah – denn wer wird schon gerne angelogen? Nein, besonders nachdenklich machte mich, dass dies sicherlich kein Einzelfall war und eher symptomatisch für viele Ehe und Partnerschaften sein mochte. Ich stellte mir die Frage, wieviele Lügengebäude noch so üblich sein mochten, wenn schon dieses völlig harmlose Zusammensein es in den Augen des Mannes notwendig machte, Ausreden zu erfinden. 

Man kann das ganze sicherlich abtun unter: War doch nur eine Kleinigkeit.  Aber stimmt das so? Ich erinnere mich an einen Vortrag von der Autorin Carolyn Myss die da sagt: Wir haben uns an die Lüge gewöhnt. Politiker lügen, Konzerne lügen, die Pharmaindustrie lügt, die Banken lügen, die Werbung lügt. Wir ERWARTEN gar nicht mehr, dass man uns die Wahrheit sagt. Daher kommen uns auch Ausreden so leicht über die Lippen, die ja wirklich vergleichsweise harmlos sind. Aber: Nicht die Wahrheit zu sagen bedeutet immer, ich habe Angst davor, nicht den Schein zu wahren und mich zu zeigen, wie ich wirklich bin. Denn das, was zum Vorschein kommen könnte, darf nicht sein.

Alles was im Verborgenen stattfindet bündelt jedoch unsere Energie und was viel schlimmer ist, sie behindert Entwicklung und bringt Unordnung in unsere Gefühle und Gedanken. Die wichtige Frage, die man sich stellen könnte wenn einem das nächste mal eine Halbwahrheit, Ausrede oder Lüge über die Lippen zu kommen droht ist: Wovor habe ich eigentlich Angst? Warum bin ich gerade nicht authentisch? Und wäre es nicht viel schöner, als der geliebt und gemocht zu werden der ich bin, anstatt als der bewundert zu werden, der ich zu sein vorgebe?

Letztendlich machen Lügengebäude krank. Denn Körper, Geist und Seele streben danach, miteinander in Harmonie zu kommen und eine Balance zu finden, die in dieselbe Richtung weist. Genau so wie der Körper sich bemüht, immer wieder in die Homöostase – ins Gleichgewicht – zu kommen brauchen wir um zu gesunden ein Gefühl dafür, wer wir in unsrem Kern sind, was wir wirklich wollen, was uns ausmacht. In dem Fall der drei Männer wäre das gewesen: „Wir haben Lust noch ein Stündchen zusammen zu sitzen, wir genießen das einfach, wir kommen später.“ Überall da, wo diese unterschiedlichen Kräfte in uns in verschiedene Richtungen driften, das Herz gegen den Verstand antritt, der Bauch gegen den Kopf oder das Herz rebelliert, entstehen Spannungen die sich irgendwann als Krankheit manifestieren können.

Denn unsere Seele kann man langfristig kein A für ein U vormachen.

 

 

 

 

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