Make Love – Doku – Review – Kritik

Make love

Make love

Die Dokumentation Make Love, moderiert von der Sexual- und Paartherapeutin Ann-Marlene Henning aus Hamburg, hat schon vor der ersten Ausstrahlung am Sonntag auf MDR um 22:20 ein sehr grosses Medieninteresse hervorgerufen. Die Bildzeitung titelte „Die schärfste Doku des Jahres“ und es wurde von expliziten Sexszenen gesprochen. Die erste Folge lief unter dem Titel: Was ist guter Sex?

Eine Aufklärungssendung in den öffentlich-rechtlichen Sendern von der als Aufklärerin der Nation bezeichneten Ann-Marlene Henning war nun Grund genug für mich, mir die Sendung an zu schauen. Ich war neugierig was vermittelt wird und wie die Dokumentation aufgebaut ist.

Sexualität und Sexualität in Partnerschaften ist ein zentrales Thema in meiner Arbeit und die in der Sendung aufgeworfene Frage: „Was kann ich tun um mein Sexleben zu verbessern“  gehört zum täglichen Beratungsangebot in unserer Praxis.

Inhalt dieser Review
• zu Beginn ein paar Fakten
• Inhalt und Problemstellung der Doku
• 1.Tipp – Grösse und Lage der Klitoris
• 2.Tipp – Über sich und seine Wünsche reden
• 3.Tipp – Das Ambiente ist wichtig
• 4.Tipp – Video über die Prostata der Frau und ihrer Lage
• 5.Tipp – Beckenbodentraining
• Fazit und Kritik
• Sendetermine
• interessante Links zur Sendung
• Dokumentation online schauen

 

Zu Beginn ein paar Fakten

Die Theratalk Studie hat bei 51.000 Befragten herausgefunden, dass 49% der Menschen, die in Partnerschaften leben, mit ihrem Sex unzufrieden sind. Sexuelle Unzufriedenheit liegt auf dem Spitzenplatz  wenn es um Probleme in Partnerschaften geht.

36% der Männer und 40% der Frauen würden ihrem Partner ihre sexuellen Wünsche erfüllen, wenn sie sie denn wüssten.

Dazu kann ich meine eigenen Erfahrungen einfliessen lassen. Ich habe eine zeitlang Menschen gefragt, ob sie ihre sexuellen Wünsche ihren Partnern erzählen würden. Manche haben ja gesagt, viele nein. Auf die Frage, ob sie ihrem Partner ihren geheimsten Wunsch offenbaren würden, hat dies nur eine einzige Person bejaht. Alle anderen haben gesagt, dass sie es nicht tun würden.

In einer anderen Studie, die nicht namentlich benannt wurde, haben von 2000 Befragten angegeben, dass 50% nicht über Sex reden, da sie Angst vor den Reaktionen des Partners haben.

Sehr viele Menschen kennen ihren Körper nicht und wissen auch nicht, wie sie Erregung steuern können.

Bei einer Studie von 10.000 Frauen haben 47% angegeben, daß sie über ihre Vagina wenig wissen und sie haben überwiegend keine Verbindung zu ihr.

Vagina und Penis gehen beim Embrio aus derselben Urform hervor. In der Perle der Frau befinden sich 8000 Nervenenden, beim Mann sind es nur 2500. Die Vagina schwillt genauso an wie der Penis.

Frauen haben auch eine Prostata mit der sie ejakulieren können. Da diese im vorderen Teil der Vagina liegt, kann auch ein kleiner Penis ausreichend stimulieren.

Der G-Punkt ist kein Punkt sondern eine Zone und liegt am hinteren Ende der weiblichen Prostata.

Inhalt und Problemstellung der Dokumentation „Make Love“

Im Mittelpunkt der Reportage steht ein Paar aus Böblingen, Jessica und Oliver, welches seit 10 Jahren zusammen ist, aber nur noch alle drei Monate Sex miteinander hat. Beide lieben sich und wollen an der Situation etwas ändern. Aus diesem Grund haben sie die Sexologin, die in Dänemark studiert hat, zu sich ein geladen.

Es wird deutlich, dass beide eine andere Herangehensweise an den Sex haben. „Sie“ möchte abends ab und an kuscheln mit der Option, dass daraus mehr werden kann. „Er“ ist eher zielgerichtet und versucht, seine Partnerin mehr durch direkte Stimulation wie Küsse auf den Hals oder die Berührung der Sexualorgane zum Sex zu bewegen.

Sie findet ihren Körper nicht schön und hat am Liebsten Sex im Dunkeln.

Oliver hat keine Ahnung, wie er seine Frau Jessica anfassen soll und sie sagt ihm auch nicht wie sie es gerne hätte. Beide sagen bestimmte Dinge nicht, vor allem um den anderen nicht zu irritieren.

1. Tipp – Grösse und Lage der Klitoris

Ann-Marlene Henning gibt Aufklärungsunterricht und erklärt dem Paar anhand eine Vagina aus Stoff, Mösette genannt, die Anatomie der weiblichen Geschlechtsorgane. Sie erklärt, daß die Klitoris nicht nur aus der „Perle“ besteht, sondern ein ca 10-11 cm langes Organ ist, welches sich von der Perle aus zweischenklig wie ein Ypsilon nach unten verzweigt. Diese beiden Schenkel liegen unter den grossen Schamlippen und sind für Stimulation sehr empfänglich. Dies dürfte für die allermeisten Zuschauer eine völlig neue Erkenntnis gewesen sein.

Für Männer kann diese Information eine wahre Goldgrube sein, um ihre Qualitäten als Liebhaber wesentlich zu verbessern. Wie der Mann in der Dokumentation, werden sich die allermeisten Männer ausschliesslich um die „Perle“ kümmern, die mit 8000 Nervenzellen ca. dreimal so viele Nervenenden besitzt wie die Eichel, die auf 2500 Nervenzellen kommt.

Die Berührung der „Perle“ ist aufgrund der wesentlich höheren Anzahl an Nervenenden für Frauen oft sehr intensiv und gerade in der „Aufwärmphase“ einfach zuviel. Da Männer es nicht besser wissen, verleiden sie ihrer Partnerin  oft durch zu intensive Stimulation dadurch schon zu Beginn die Lust an der Zweisamkeit.

Fazit zum Tipp:

Leider wird hier in der Doku nur die Information über die Grösse und Lage der Klitoris geliefert, welche für den Zuschauer zudem nicht nachvollziehbar ist, da die Grafik schlecht ist und nur sehr kurz eingeblendet wird.  Es wird aber nicht darauf eingegangen, wie Mann oder Frau dieses Wissen nutzen können um grössere Lust zu entwickeln.

2. Tipp – Über sich und seine Wünsche reden

Laut einer Studie würden 50% aller Partner ihrem Partner seine sexuellen Wünsche erfüllen, sofern sie denn über diese Wünsche Bescheid wüssten.

Frau Henning gibt den Tipp, das man über sich und seine Wünsche reden soll, auch wenn dadurch eine nicht positive Reaktion beim Partner ausgelöst wird, die es dann auszuhalten gilt.

Über ca. zwei Jahre lang habe ich Menschen, die ich kennen gelernt habe gefragt, ob sie ihre sexuellen Wünsche mit ihrem Partner teilen würden. Die meisten haben gesagt, das sie ihre Vorstellen im allgemeinen mitteilen, aber ihre tiefen und geheimen Phantasien nicht ihrem Partner gegenüber kommunizieren.

In diesem Teil der Dokumantation holt man sich die Autorität von dem wohl bekanntesten amerikanischen Paartherapeuten David Schnarch per Video ein. Schnarch erläutert, dass die meisten Menschen ihren Partner als Support-System sehen und ihn durch Äusserungen nicht ärgerlich machen wollen. Das Fazit lautet:
Auf einen Partner, auf den man aufpassen muss, hat man keine sexuelle Lust. Wenn man seinen Partner braucht, um sich selber zu bestätigen, akzeptiert man auch sich selber nicht so,s wie man ist. Dieses Unklarheit darüber wer man ist, führt dazu, dass man keine Lust auf Intimitäten hat.

3. Tipp – Das Ambiente ist wichtig

Jessica aus der Dokumentation erzählt, dass sie Sex am Liebsten im Dunkeln hat, da sie sich für ihren Körper schämt bzw. für manche seiner Problemzonen und sie sich deshalb ohne Licht  sicherer fühlt. Die Empfehlung der Therapeutin lautet hier, dass man angenehme Lichtverhältnisse mit gedimmten Licht herstellen soll oder auch sehr gut Kerzen verwenden kann.

4. Tipp – Video über die Prostata der Frau und deren Lage

Auch die Frau besitzt eine Prostata, sagt die Dokumentation.

Die Lage der weiblichen Prostata und wie sie stimuliert werden kann, wird sehr schön und deutlich in einem eigens für die Sendung produzierten Video gezeigt.
Es wird ein Paar beim Sex gezeigt, wo die Frau auf dem Mann sitzt. Über dieses Video wird eine Computergrafik gelegt die darstellt, wie sich der Penis in der Vagina bewegt und welche Bereiche innerhalb der Vagina dadurch berührt werden. Das nenne ich ein wirklich tolles Aufklärungsvideo!

Fazit zum Tipp:

Frauen haben oft Angst zu ejakulieren, da die Ejakulation oft mit einem Gefühl des Urinierens verbunden ist. Hier muss man wissen, dass das Gefühl normal ist und jede Frau es anfangs hat. Auf diesen Aspekt wird leider gar nicht eingegangen. Dabei ist er  von zentraler Bedeutung damit die Frau sich entspannen kann und sich traut zu ejakulieren. (siehe auch unseren Blogbeitrag über Squirting)

5. Tipp – Beckenbodentraining

Dr. Kegel hat in den 50er Jahren ein Beckenbodentraining für Frauen kreiert um Harninkontinenz zu vermindern. Als Nebeneffekt gaben viele Frauen an, dass sie mehr Spass beim Sex haben. Durch die bessere Durchblutung kommt mehr Sauerstoff in den Bereich und die höhere Durchblutung unterstützt die Erregung.

Eine von der Uniklinik Hamburg heraus gegebene Studie hat ergeben, dass  sich auch bei Männern, die Beckenboden- Übungen gemacht haben, die Errektionsfähigkeit um 80% erhöht hat. Bei Viagra nimmt die Errektionsfähigkeit nur um 74% zu.

Fazit und Kritik:

Die erste Sendung der fünfteiligen Serie „Make Love: Was ist guter Sex?“kann nicht durchweg überzeugen. Sie hat positive Aspekte und gibt Informationen an die Öffentlichkeit, die die meisten wohl nicht kennen.

Unbekannte Aspekte der Sexualität dazustellen, verbunden mit einem Aufklärungsvideo wie sich der Penis in der Vagina bewegt und welche Bereiche dadurch berührt werden, ist einzigartig und hervorragend gelungen.

Ebenso ist positiv zu bemerken, dass in der ganzen Sendung keine Peinlichkeiten auftreten und die Gespräche im Aufklärungsunterricht in einer sehr natürlichen und ungezwungenen Sprache erfolgen.

Aber das ist es auch schon: ein gut gemachter Aufklärungsunterricht. Er bewegt sich auf der Ebene der Information und Funktionalität.

Es ist klar, dass ein 45-minütiger Bericht nicht alle Aspekte beleuchten kann, aber die Frage der Sendung: Was ist guter Sex? wird nur unbefriedigend und rudimentär beantwortet. Neben der Funktionalität und dem Wissen über den Körper gehört noch so vieles mehr dazu um guten Sex zu haben. Die Informationen bleibt die Doku einfach schuldig.

Hier bringen die Aussagen von David Schnarch aus seinem Buch  Die Psychologie sexueller Leidenschaft
noch einige weiterführende Erläuterungen.

Jessica sagt am Anfang der Sendung, dass sie ihren Körper in vielen Bereichen nicht schön findet. Auf diesen Aspekt der Selbstannahme und wie sie ihr Körpergefühl und ihre Akzeptanz verbessern kann, wird gar nicht eingegangen. Dies ist aber ein wesentlicher und zentraler Aspekt für guten Sex. Nur wenn beide Partner ihren eigenen Körper und den des anderen so annehmen wie er ist, kann guter Sex entstehen.

Die Webseite www.make-love.de ist aufgrund von Jugendschutzgründen von 6:00 morgens bis 22:00 abends zensiert. In einer Welt in der sich elf-jährige schon gegenseitig Pornos zusenden und explizite Pornographie zu jeder Tageszeit nur einen Klick entfernt ist, ist es schon sehr verwunderlich, dass diese Webseite zensiert ist.

Gerade für Jugendliche bekommen ihren Aufklärungsunterricht im Netz und kommen mit den unterschiedlichsten Sexualpraktiken und viel Pornographie in Kontakt, die nichts mit einer erfüllten und realistischen Sexualität zu tun hat. Hier würde ich mir wünschen, dass Jugendliche Zugang zu diesen wertvollen Information bekommen ohne sich nachts den Wecker stellen zu müssen.

In einem Interview mit der Welt http://www.welt.de/icon/article121444399/Warum-das-Oeffentlich-Rechtliche-echten-Sex-zeigt.html sagt Ann-Marlene Henning: „Ich berühre meine Klienten natürlich nicht.“

Um ihren Ruf als Therapeutin nicht aufs Spiel zu setzen, muss sie dies so sagen sonst würde sie möglicherweise in der Gesellschaft und bei therapeutisch arbeitenden Kollegen diskreditieren. In einer Gesetzgebung, die unter der entgeltlichen Berührung von Geschlechtsorganen und damit verbunden „der Gelegenheit zum sexuellem Vergnügen“ immer direkt von Prostitution spricht, kann eine Therapeutin nichts anderes sagen. Somit ist ihre Aussage sehr verständlich.

Allerdings ist dies meines Erachtens ein Armutszeugnis unserer Gesellschaft. Bei Sexualität geht es um Erfahrungen, um ein neues Körperempfinden. Dies kann man nicht nur durch Theorie und durch ein Gespräch erlernen und erfahren. Wir sind Menschen mit einer angeborenen Sexualität. Was spricht dagegen, dass Therapeuten Menschen auch berühren um ihnen neue Körperempfindungen zu schenken und somit den Prozess des sich Annehmens und sich in seinem Körper wohl zu fühlen, unterstützen und sich entfalten zu lassen?

Meine Empfehlung: Schauen Sie sich die Dokumentation an.

Trotz der vielen aufgeführten und fehlenden Aspekte empfehle ich, sich diese Dokumentation anzuschauen. Es werden viele wertvolle Informationen gegeben, die eine andere Betrachtung ermöglichen. Der ein oder andere wertvolle Tipp kann dazu beitragen,  das Zusammensein für eine schönere und erfülltere Sexualität zu bereichern.

Frank Bleckmann

Sendetermine:

Folge 1: Was ist guter Sex?
Am 3.November um 22:20 im MDR / am 6.November um 22:00 Uhr im SWR

Folge 2: Wie sag ich’s meinem Kind?
Am 10.Novemer um 22:20 im MDR / am 13.November um 22:15 Uhr im SWR

Folge 3: Liebe allein oder zu zweit?
Am 17.November um 22:15 im MDR / am 20.November um 22:15 Uhr im SWR

Folge 4: Wenn unten nicht macht, was oben will
Am 24.November um 22:20 Uhr im MDR / am 27.November um 22:00 im SWR

Folge 5: Sex ist Kommunikation
Am 1.Dezember um 22:20 Uhr im MDR / am 4.Dezember um 22:00 Uhr im SWR

Interessante Links zur Sendung:

http://www.gebrueder-beetz.de/produktionen/make-love
Übersicht und Produktion der Doku

http://www.theratalk.de
Eheberatung, Paartherapie und Partnerschaftstests online

http://www.focus.de/kultur/kino_tv/strenge-auflagen-fuer-make-love-mdr-und-swr-brechen-letzte-sex-tabus-in-neuer-show_aid_1140908.html
MDR und SWR brechen letzte Sex-Tabus in neuer Show

http://www.make-love.de
Webseite zur Sendung

http://doch-noch.de
Webseite von Ann-Marlene Henning

http://www.youtube.com/watch?v=ZZDnCjpJrSI
Dokumentation online schauen

Copyright: Frank Bleckmann, Informationen zum Author

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