Körpergedächtnis und Massagen

Körpergedächnis und Massage

Körpergedächnis und Massage

Das Körpergedächnis kennt keine Zeit, es kennt nur das Jetzt. So, wie wir Bewegungsabläufe wie Autofahren oder Fahrradfahren in uns abgespeichert haben und sie nicht jedes Mal auf’s neue erlernen müssen, sind auch alle unsere Erfahrungen – die körperlichen wie die emotionalen – in unserem Körper einprogrammiert und steuern unbewusst unser Verhalten und unser ganzes Sein.


Die Art und Weise, in der wir Berührung und Beziehung als Kinder erfahren haben prägt unser Leben und unsere Beziehungen im Jetzt, unabhängig davon, ob es uns bewusst ist oder nicht. Es kann für ungewollte Pfunde genauso verantwortlich sein wie für Rückenschmerzen die uns plagen, Suchtverhalten welches wir nicht abstellen können oder hemmende Beziehungsmuster, die sich durch unser Leben ziehen. Da das Körpergedächtnis keine Zeit kennt lautet die gute Nachricht: Auch wenn wir als Kinder nicht in ausreichendem Masse Zärtlichkeit Liebe und Schutz erfahren haben, können wir unserem Körper diese Erfahrung jederzeit nachreichen und den erlebten Mangel im Nachhinein ausgleichen und so in eine innere Balance finden. 

In unserer Berührungsarbeit bei Anlea erleben wir immer wieder, dass Menschen tief bewegt sind weil sie Gefühle in einer Intensität erleben, die sie nicht für möglich gehalten haben. Das hat damit zu tun, dass wir fast alle als Kinder auf irgendeiner Ebene einen Mangel an körperlicher Berührung, seelischer Verbundenheit oder Unterstützung erlebt haben, der in der liebevollen Berührung durch die Masseurin / den Masseur ins Bewusstsein rückt und erinnert wird. Das Körpergedächtnis wird aktiviert und um neue Impulse bereichert. Der jetzt erlebte Hautkontakt stillt die Sehnsucht nach Nähe von der man instinktiv weiß, dass sie zum Leben gehört aber die man vielleicht nie hat erfahren dürfen. Dadurch, dass die Berührung so unmittelbar und nah ist, kann diese Sehnsucht nun erfüllt werden und man kann sich im wahrsten Sinne des Wortes im Nachhinein satt trinken. Die Aufgabe des Massagetherapeuten ist es möglichst genau zu erspüren, welche Berührungsqualität am meisten gebraucht wird um sie in passender Form anreichen zu können und das Körpergedächtnis neu zu codieren. Dies erfordert ein hohes Mass an Konzentration und Intuition sowie das Vertrauen darein, dass im richtigen Augenblick die richtige Eingebung erfolgen wird. Es ist das Gegenteil einer Massagetechnik sondern viel mehr eine Berührungsmeditation, die sich vollständig dem Augenblick hingibt.

Ein Beispiel aus meiner täglichen Praxis mag dies verdeutlichen.
Frau S. hat sich an mich gewandt weil sie dabei ist, die ersten zarten Bande in einer neuen Beziehung zu knüpfen. Sie weiß um die Zusammenhänge zwischen Körper, Seele und Geist und spürt, dass ihr als Kind erlebter Mangel an Zärtlichkeit und sexueller Missbrauch ihr für diese mögliche neue Beziehung im Wege stehen. Sie hat das Gefühl, dass die Lebensenergie und Lebensfreude die sie in vielen Bereichen ihres Lebens schon spürt, nicht ihren gesamten Körper erreicht und durchdringt. Zwischen ihrem Oberkörper und ihrem Becken spürt sie trotz viel körperlich-therapeutischer Arbeit nach wie vor eine Trennung. Die von mir gegebene Massage ist sehr zart und sanft und ich spüre, wie sie sich nach und nach immer tiefer fallen lassen kann. An irgendeiner Stelle habe ich den Impuls ihre Hand an meine Brust zu führen, sie deren Wärme und Weichheit spüren zu lassen. Sie beginnt zu weinen und ich sehe, wie sie von einer großen Trauer erfasst wird. Nach einer Weile versiegen die Tränen und machen einem Lächeln Platz. Hinterher berichtet sie mir, dass sie noch nie vorher so unmittelbar eine nährende mütterliche Energie, die sie als liebevoll und warm umschreibt, gespürt hat und dass sie ihre Mutter immer als unterkühlt erlebt hat. Eine Frau die selber erstarrt war und ihrem Kind nicht das hatte geben können, was es gebraucht hätte. Dieser Zusammenhang war meiner Klientin auch vorher klar gewesen, doch jetzt hatte der Körper die Möglichkeit es auch zu fühlen und für sich eine neue Erfahrung zu machen. Dem Körpergedächtnis ist nach dem erlebten Mangel jetzt auch eine starke positive Erfahrung hinzugefügt worden die in der Lage ist, die alte Erfahrung zu ersetzen.

Der Mediziner und Wissenschaftler Joachim Bauer beschreibt die Zusammenhänge zwischen Körper, Geist und Seele sowie Körpergedächtnis sehr gut in seinem Buch: Das Gedächtnis des Körpers: Wie Beziehungen und Lebensstile unsere Gene steuern

Für mich in meiner Arbeit als Integraler Coach und Massagetherapeutin wird immer deutlicher, wie sehr die passenden Berührungen zum richtigen Zeitpunkt die Entfaltung eines Menschen positiv unterstützen. Der Körper muss in die menschliche Entwicklung in all seinen Aspekten mit einbezogen werden, damit er sich wieder als ein Ganzes erleben und fühlen kann. Dass das Körpergedächtnis – auch Zellgedächtnis genannt – immer mehr in den Mittelpunkt ernsthafter wissenschaftlicher Forschung rückt zeigt mir, dass wir mit unserem Begriff von Berührung bei Anlea auf dem richtigen Weg sind.

Clea Nuss-Troles

Ein Kommentar zu Körpergedächtnis und Massagen

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