Fifty Shades of Grey

Das Buch ist von zweifelhafter literarischer Qualität und auch der Film ist nicht unbedingt eine künstlerisch oder schauspielerisch große Leistung. Trotzdem klingeln die Kassen. Die BDSM Praktiken beschreibende Trilogie wurde weltweit 70 Millionen mal verkauft und der erste Band gilt als das schnellst verkaufte Taschenbuch des Vereinigten Königreiches. Trifft „Fifty Shades of Grey“ den Nerv einer Zeit, in der männliche und weibliche Rollenbilder zu einem einheitlichen „gray in gray“ verschmolzen sind?

Das erste Buch der Roman-Trilogie „Fifty Shades of Grey“ musste ich nach zwei Dritteln aus der Hand legen. Zu mühsam waren die ständigen Wiederholungen, zu aufgesetzt die Charaktere und zu phantasielos die beschriebenen BDSM Praktiken. Mit dem realen Ausleben dominant-submissiver Sexualität hatte das Buch, in meinen Augen, so gar nichts gemein. Umso faszinierender finde ich, dass das Buch sogar beim großen Discounter um die Ecke auf dem Wühltisch zu finden war und sich weltweit als Bestseller etabliert hat. 

Es muss also etwas geben, was die im allgemeinen weibliche Leserschaft in höchstem Maße anregt und sogar dafür sorgt, dass ein gesellschaftlich eher geächtetes Thema, nämlich sexueller Sadomasochismus und das Spiel mit Dominanz und Unterwerfung auf einmal eine solche Furore erlebt. 

Möglicherweise ist es so, dass Frauen – und vielleicht auch Männer – sich im tiefsten Inneren nach einer gewissen Sicherheit in ihren Rollenbildern zurück sehnen. Denn die Freiheit der Emanzipation hat nicht nur ihre Sonnenseiten. Die Verunsicherung, welches Verhalten von einer Frau oder einem Mann erwünscht ist, ist groß. Am Besten, so scheint es zu sein, decken beide eine möglichst große Schnittmenge ab. Sind berufstätig, erfolgreich und machen Karriere, kümmern sich gemeinsam um Haushalt und Kinder, reden über alles miteinander und haben auch noch Spaß im Bett. Und genau das ist das Problem – der bleibt nämlich zumeist vor lauter Gleichförmigkeit irgendwann auf der Strecke.

Weil beide Partner sich so gleich geworden sind, fehlt die Anziehung. Die Polarität zwischen den Geschlechtern, die für eine sexuelle Leidenschaft unerlässlich ist, vertrocknet wie ein ausgedörrtes Flussbett. Denn das, was die eigentliche Befruchtung in Beziehungen darstellt – dass männliche Energie auf weibliche Energie trifft und beide davon profitieren und sich gegenseitig nähren – ist hinfällig geworden wenn keiner mehr genau weiß, was denn eigentlich Weiblichkeit und Männlichkeit in ihrer Urform bedeuten. 

Tief im Inneren einer jeden Frau steckt ein Teil welcher sich danach sehnt sich hingeben zu können, zu Diensten zu sein, empfangen zu dürfen und sich damit als sexuelles Wesen begehrt zu fühlen. Tief im Mann steckt ein Aspekt der erobern will, dominant sein möchte und sich hin und wieder einfach nimmt, was ihm in seinen Augen zusteht. Gesellschaftlich negieren wir diese evolutionsbedingten Verhaltensweisen gerne was dazu führt, dass viele Frauen so sehr in ihrem Kopf sind, dass sie es schwer finden sich auf Sex einzulassen und in Stimmung zu kommen, während Männer oft zu Bittstellern um selbigen geworden sind. Die Folge ist Frust auf beiden Ebenen. 

Ein wenig mehr dominantes und submissives Verhalten im Bett könnte so manch Beziehung wieder ins Lot bringen. Dabei geht es selbstverständlich nicht darum, sich in einer Partnerschaft zu unterwerfen und einem Part das Zepter der Macht in die Hand zu drücken. Doch auf spielerische Weise und mit Feingefühl im Schlafzimmer ausgelebt, kann für beide Seiten befriedigender Sex, der etwas weniger politisch korrekt aber dafür leidenschaftlich ist, mehr für die Beziehung tun, als so manche zähe Diskussion wie man wieder zueinander finden könnte. 

Unabdingbar dafür ist, dass Männer mehr darüber lernen wie eine Frau wirklich gerne berührt wird und was sie antörnt, genau so wie andersherum auch. Dem Spiel ohne Worte gehen nämlich meist viele Worte voraus – oder sollten es zumindest. 

Dafür spricht sich auch die Soziologin Eva Illouz aus in ihrem Interview mit der TAZ aus, nachdem sie „Fifty Shades of Grey“ auf seinen soziokulturellen Kontext hin untersucht hat:

„Ich würde mir wünschen, dass Menschen offener über ihre Bedürfnisse sprechen, auch in der öffentlichen Sphäre. Frauen mit Männern, Männer mit Männern und so weiter. Wenn ich nämlich richtig liege, gibt es sehr viel Leid und Leiden in modernen Liebesbeziehungen. Aber unser Leiden bringt uns auch zu den großen moralischen Fragen, deren Antworten wir einander schulden.“

Dem kann ich mich nur anschließen!

 

3 Kommentare zu Fifty Shades of Grey

  1. Liebes anlea Team.

    Eurem Text kann ich mich nur anschließen. Ich habe mir , nachdem so viel darüber gesprochen wurde, erst den Film angesehen und nun versuche ich das Buch durchzuarbeiiten, da meine Frau es schon interessanter findet als den Film.

    Ich gehe nicht gerne in Filme, wenn ich das Buch gelesen habe. Es fehlt dann eigentlich immer so viel, dass man oft meint, es sei ein anderes Buch verfilmt worden. So auch hier.

    Gut, über die Qualität von Buch, Drehbuch und Schauspielern mag man diskutieren. Aber es war schon immer so: Sex sells. und wenn hier endlich mal jeder Normalbürger die Möglichkeit hat, zumindest ansatzweise mal etwas zu erfahren über Dinge, an die er sonst kaum zu denken wagt, dann ist das schon ein Erfolg. Über die Entstehung des Buches ist mir zu Ohren gekommen, dass das Srkipt im Internet stand und aufgrund der erhaltenen Kommentare und Anregungen ausgearbeitet wurde. Wenn das so ist, dann erklärt es sicherlich einen Teil des Erfolges, das sich dann viele Meinungen, Neigungen und Interessen der Leser in dem Buch wiederfinden.

    Beachtenswert in eurem Text finde ich auch die Aussage „Ein wenig mehr dominantes und submissives Verhalten im Bett….“, die im ersten Moment dem tantrischen Gedanken eures Institutes zu wiedersprechen scheint. Geht es doch bei euren Massagen immer um die Achtsamkeit, die dem Gegenüber entgegengebracht wird. Aber es ist eben nur scheinbar ein Wiederspruch. Denn auch der „Quickie zwischendurch“, der ohne langes Vorspiel und Streicheleinheiten stattfindet, oder auch der mal nicht ganz so zärtliche Sex im Ehebett ist nur dann für beide Partner befriedigend, wenn man sich gut kennt, versteht, und eben achtet.

    Gruß
    Harald

    1. Lieber Harald,

      vielen lieben Dank für Deinen ausführlichen Kommentar.Ich stimme Dir zu, dass damit ein Thema gesellschaftsfähig geworden ist, was sonst den meisten Menschen dank der vielen Vorurteile eher verschlossen gewesen wäre. Was das dominante und submissive Verhalten im Bett angeht, möchte ich gerne eine Erklärung beisteuern. Denn hier finde ich unterscheidet sich Tantra von BDSM – in welcher Form auch immer – in kleinster Weise. Um in eine erotische Spielform dieser Art abzutauchen sind drei Dinge unbedingte Voraussetzung damit sie befriedigend und erfüllen ablaufen können: Beide Partner müssen sich miteinander verbinden, was im Idealfall heißt: sich blind verstehen. Dafür muss der dominante Part mit seiner ganzen Aufmerksamkeit bei der submissiven Partnerin sein, denn nur dann kann er ihre Signale deutlich lesen und läuft nicht Gefahr etwas zu machen, was ihr wirklich missfällt. Diese beiden Komponenten finden sich immer auch im Tantra und in der tantrischen Massage wieder. Darüberhinaus ist selbstverständlich, dass ein bestimmter Rahmen gewahrt wird, der vorher abgesteckt wird. „Safe“ und „Consensual“ sind hier die Zauberworte: Das Spiel muss sicher und von beiden Seiten einvernehmlich sein. Somit haben BDSM und Tantra wesentlich mehr gemeinsam, als es nach Außen nicht und bei oberflächlicher Betrachtung den Anschein hat.

      Ganz herzliche Grüße

      Clea

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