Die Liebe ist ein Kind der Freiheit

Die Liebe ist ein Kind der Freiheit

Die Liebe ist ein Kind der Freiheit

‚Die Liebe ist ein Kind der Freiheit‘ Wer würde diesen Satz nicht sofort mit einem deutlichen ‚Ja‘ bekräftigen und ihm im Brustton der Überzeugung zustimmen? Doch was passiert in und mit uns, wenn diese Aussage nicht nur ein philosophischer Ausspruch ist, sondern sich im Dschungel der Beziehungsgeflechte einer auch praktischen Prüfung unterziehen lassen muss?

Mir fällt sofort als Analogie die Geschichte des Mannes ein, der traurig in seinem herrschaftlichen Haus wohnt und den die Einsamkeit plagt. Er ist griesgrämig und voller Trauer und weiß im Grunde genommen gar nicht, was ihm fehlt. Eines Morgens wird er vom Gesang eines wundervollen Vogels mit prachtvollen Gefieder geweckt, der sich in seinem Garten niedergelassen hat und ihm voll Lebensfreude jeden Morgen wundervolle Lieder vorsingt. Der Mann ist betört von dem Vogel und hört ihm jeden Tag zu. Der Gesang und der Anblick des Vogels bereichert seinen Tag und berührt sein Herz. Seine Melancholie verschwindet und er beginnt, ein immer glücklicherer Mensch zu werden. Es dauert nicht lange und er erwartet den Vogel jeden Morgen und ist voller Freude, wenn er kommt und ihm den Tag versüßt. Dies geht mehrere Wochen so weiter und der Mann und der Vogel gewöhnen sich aneinander und schließen Freundschaft. Alles könnte gut sein.

Doch eines Tages wacht der Mann auf und beginnt sich Sorgen zu machen: Was passiert, wenn der Vogel eines Tages nicht mehr in seinen Garten kommt und ihn nicht mehr mit seinem Gesang erfreuen wird? Vielleicht gibt es andere Gärten, die schöner sind als der eigene und der Vogel kehrt eines Morgens nicht mehr zurück? Der Mann bekommt es mit der Angst zu tun und fragt sich, wie er sich auf immer dem Gesang des Vogels versichern kann. Ihm kommt die Idee, ihn in einen goldenen Käfig zu sperren, ausgestattet mit dem besten Essen und den schönsten goldenen Stäben, die man sich vorstellen kann. Denn dann, so die Überlegung des Mannes, braucht er keine Angst mehr zu haben, dass ihm der Vogel abhanden kommen könne. Er gibt also diesen prachtvollen Vogelkäfig bei den besten Handwerkern der Stadt in Auftrag und innerhalb weniger Tage ist der schönste Vogelkäfig der Stadt fertig und wird in seinen Garten geliefert. Als dann lockt er den Vogel mit ein paar Leckerbissen in ihn hinein. Da der Vogel ihm inzwischen vertraut geworden ist, pickt er arglos die Leckerbissen auf und folgt ihnen bis in den Käfig. Doch sobald er diesen erreicht hat, schließt sich die Tür hinter ihm und der Ausgang in die Freiheit ist ihm verwehrt.

Wir alle kennen das Ende der Geschichte: Obwohl der Käfig prachtvoll ist und mit goldenen Stäben und dem vorzüglichsten Essen ausgestattet ist, wird der eingesperrte Vogel mit jedem Tag trauriger, verliert seinen schönen Gesang und seine Stimme und die Federn fallen ihm büschelweise aus. Am Ende geht er ein. Der Vogelbesitzer ist entsetzt und voller Trauer, hat er doch nur in bester Absicht und aus Vorsicht und Angst heraus gehandelt. Doch den toten Vogel macht das nicht mehr lebendig.

Die Geschichte spiegelt wider, in welches Muster viele Beziehungen nach ein paar Monaten oder Jahren geraten: Man lernt sich kennen und lieben, weil der andere Partner Eigenschaften hat, die einen faszinieren und wiederum ganz besondere Seiten in einem selbst zum Klingen bringen. Man genießt die gemeinsame Zeit, ist betört und voller Liebe für den andersartigen Gesang, der das eigene Leben bereichert. Der Partner macht einen glücklich. Dann beginnt man sich darüber auszutauschen, wie das gemeinsame Leben aussehen könnte und welche gemeinsamen Werte und Ziele man hat. Unausgesprochen entstehen in dieser Zeit bestimmte Erwartungen, die wir an diese Beziehung knüpfen und die wie folgt lauten können: „Du machst mich glücklich, wenn…. Du Dich so und so verhältst und in einer bestimmten Weise agierst.“ „Du machst mich unglücklich, wenn Du Dich anders verhältst als ich es von Dir kenne oder erwarte.“ „Du machst mich besonders unglücklich, wenn Du etwas tust, was Ängste in mir auslöst.“ Da eine Beziehung meist damit einher geht, dass man sich immer besser kennen lernt und die Verhaltensmuster und Ängste des anderen einem vertraut werden, lernt man schnell, wie man prekäre Themen umschiffen kann und welche Dinge man besser ausklammert, um sich nicht mit dem Schmerz des Partners konfrontieren zu müssen. Problematisch wird es dann, wenn man irgendwann feststellt, dass man begonnen hat, gegen die eigene innere Wahrheit zu verstoßen. Wenn man beginnt, dem anderen ein Bild von sich selbst zu präsentieren, was immer weniger authentisch ist und immer mehr darin besteht, den Schein zu wahren als die Wahrheit zu konfrontieren.

Die meisten Beziehungen funktionieren irgendwann im Kontext unausgesprochener Agreements die da lauten können: „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“ „Ich liebe meinen Partner und was ich tue, würde ihn nur unnötig verletzten“ „Es gibt Dinge, die versteht mein Partner nicht, weil er da einfach anders ist als ich“ „Es gibt Themen, die schneide ich nicht mehr an, denn sie führen nur zu fruchtlosen Diskussionen“ „Wir verstehen uns eigentlich gut und haben so viel miteinander aufgebaut – ich möchte das nicht auf’s Spiel setzten: Der gemeinsame Nenner ist eigentlich immer: „Ich weiß in meinem tiefsten Inneren, dass die Unwahrheit nicht der richtige Weg ist, aber ich habe zu viel Angst davor verlassen zu werden und deshalb spreche ich die Wahrheit nicht aus.“ Es funktioniert sicherlich irgendwie, doch der Preis ist hoch. Denn im Grunde genommen ist uns klar, dass wir den Weg des geringsten Widerstandes wählen, der uns nicht auf Dauer glücklich machen kann, weil er dem entgegensteht, was mit unseren inneren Werten kollidiert. Wir erfinden Konstrukte und Ausreden und alle möglichen Ausflüchte uns selbst gegenüber, die rechtfertigen sollen, dass wir nicht authentisch sind. Doch wären wir ganz ehrlich zu uns selbst müssten wir uns eingestehen, dass wir gegen uns selbst verstoßen und unsere inneren Werte aus Angst verbiegen. Es entsteht ein inneres Spannungsfeld, das uns im schlimmsten Falle krank machen kann. Carolyn Myss, eine amerikanische Psychologin drückt es sehr einfach aus: Wer sich selbst oder andere belügt, kann nicht gesunden. Dem stimme ich aus tiefster Überzeugung zu.

Doch welchen Ausweg gibt es aus dem scheinbaren Dilemma? Ich glaube es tut gut, ein paar Dinge zu hinterfragen. So zum Beispiel das Postulat: „Der andere macht mich glücklich“ (wenn ich verliebt bin) sowie „Der andere macht mich unglücklich“ (wenn er nicht das tut, was ich von ihm erwarte)… Die selbstbestimmte Variante müsste eigentlich lauten: Keiner macht mich glücklich oder unglücklich – nur ich selbst bin dazu in der Lage. Glück ist in erster Linie ein innerer Zustand, den ich erreichen kann, indem ich mein Inneres aufräume und mich darum kümmere, ein kindliches Glücksgefühl wieder zu entdecken, das allen Menschen innewohnt. Das ist keine leichte Wahrheit, doch in meinen Augen die einzige, die wirklich glücklich macht. Aber es ist ein harter Lernweg, denn damit entlasse ich den anderen aus der Verantwortung, für mein Wohlbefinden sorgen zu müssen und wirft mich darauf zurück, mein Glück selbst in die Hand zu nehmen. Er konfrontiert mich mit allen Zweifeln, Ängsten, Wunden und Schattenseiten, jedes Mal ein Stück tiefer. Ich gewinne Einsichten über mich selbst, die nicht immer schön, aber immer heilsam sind. Er führt meist erst einmal durch ein Meer von Blut, Schweiß und Tränen und ist alles andere als leicht. Er verläuft in Wellen und führt durch viele Täler.

Und mit der Zeit lerne ich, dass ich mich nicht mehr verstecken muss mit dem wie ich wirklich bin und das führt zu einer ganz großen und mit jedem Schritt schöner werdenden inneren Freiheit. Carl Gustav Jung hat das den Weg der Individuation genannt.

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass ich ihn nie leicht fand, er aber für mich der einzig gangbare Weg war, aus tiefster Überzeugung heraus. Immer wieder gab es dabei auch Zeiten, in denen ich völlig verzweifelt und am Boden zerstört war, aber die Ausblicke auf den Bergen die ich zwischendurch erreichte, wurden immer schöner und bunter und mit jedem inneren Schmerz, den ich konfrontierte, wuchs auf der anderen Seite die innere Lebensfreude und Unabhängigkeit von den Stimmungen und Launen anderer.

Es ist ein Weg, der nie fertig sein wird und den ich trotz aller Schwierigkeiten um nichts auf der Welt missen möchte. Wer begonnen hat ihn zu beschreiten, kann andere darin unterstützen, ihn auch zu gehen.

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