Der Zwang zum Orgasmus

Der Zwang zum Orgasmus

Der Zwang zum Orgasmus

Wer kennt ihn? Den Zwang zum Orgasmus zu kommen?

Dass unsere körperliche Lust noch lange nicht so frei ist wie wir gerne hätten, zeigt sich an vielen Kleinigkeiten, am ehesten jedoch im Bett. Spätestens nämlich dann wenn wir an uns selber feststellen, dass wir eher ein Programm abspulen als uns dem, was momentan tatsächlich ist, hinzugeben. Dazu zählt für mich der Zwang, einen Orgasmus zu haben. Immer. Und ich rede nicht nur von meinem eigenen.

Mit 20 habe ich mich noch abgearbeitet im Bett. Meine Lust floss nicht so leicht wie heute und ich war viel „im Kopf“. Ich erreichte immer einen Orgasmus, aber er war teilweise wirklich schwer erkämpft. Ich war im Kopf, ich hatte keine Ahnung vom Fluss des Atems und vor allem war ich hoch konzentriert statt mich wirklich zu spüren. Hinzu kam, dass es mir gar nicht so leicht fiel, meine Gedanken an alle Verpflichtungen abzustellen. Ich stellte immer wieder fest, dass der Verstand zwischendurch abwanderte zu völlig banalen Themen wie: was muss ich eigentlich gleich einkaufen? Meine Lust veränderte sich mit der Zeit und irgendwann entdeckte ich, dass es viel schöner war in den Moment zu spüren anstatt an die Zielgerade zu denken. Ich begann mit meinem Atem zu experimentieren und bewusst tief in den Bauch und ins Becken zu atmen, auch wenn die Anspannung des Körpers mir eher suggerierte, ich solle den Atem anhalten. Als Hebamme die ich inzwischen war, war mir völlig klar, dass mit angehaltenem Atem alles stagnierte. Meine sexuellen Erlebnisse wurden durch das Einbinden des Atems in meine Lust intensiver. Richtig gut wurde es aber als ich begann, den Orgasmus außen vor zu lassen. Von diesem Tag an fühlte ich mich frei – zumindest viel freier als vorher – und die Lust bekam neue Dimensionen. Indem ich das Ziel los ließ, konnte ich viel mehr den Moment spüren. Häufig führte sie mich auf Wellen der Lust und mit steigender Energie zum Orgasmus. Manchmal jedoch auch nicht und sie verebbte einfach wieder. Was das Ganze aber nicht minder schön machte. Es war einfach organisch.

Diese Form von sexuellem Erleben kultivierte ich für mich und war damit sehr im Reinen. Bis ich hin und wieder Männer traf, die das anders sahen und sich mit sportlichem Ehrgeiz auf meine erogenen Zonen stürzten als wären es eine olympische Disziplin, mich zum Orgasmus zu bringen. Ich bekam auf der Stelle Aggressionen und sämtliche Lust ging  baden. Ich spürte instinktiv, dass es dabei nicht um mich ging sondern nur darum, das eigene Ego zu befriedigen. Unbewusst natürlich. Es fiel mir anfangs gar nicht leicht das zu thematisieren, doch mein Körper sprach eine so eindeutige Sprache, dass ich nicht umhin kam auf ihn zu hören wollte ich mich nicht selber vergewaltigen. Und tatsächliche dauerte es oft eine Weile, bis mein Partner es wirklich verstanden hatte – so tief war dieses erlernte Programm verwurzelt. Einmal begriffen, wurde die Sexualität viel kreativer, schöner und lustvoller.

Es dauerte eine ganze Weile bis ich mir eingestand, dass dieses Programm aber auch genau andersherum funktioniert. Irgendwie war auch in meinem Kopf drin, dass ein Mann einen Orgasmus braucht um sich wirklich befriedigt zu fühlen und so stürzte ich mich manchmal mit demselben Ehrgeiz auf das männliche Geschlecht, den ich an mir nicht mochte. Und zwar immer dann, wenn es nicht einfach so passierte sondern irgendwie hakte. Oft erreichte ich das Ziel, aber wir beide waren danach eher erschöpft als befriedigt. Erst mit meinem heutigen Partner lernte ich einen Mann kennen, der mich dabei bremste und mir erklärte, dass er überhaupt keine Lust habe sich abzuarbeiten um zu einem Orgasmus zu gelangen. Mir fielen Steine vom Herzen und ich merkte erst jetzt, wie tief auch mein Selbstbewusstsein davon abhängig gewesen war „gut“ zu sein. Es war fast wie eine Absolution: Auch ein Nicht-Orgasmus ist in Ordnung!

Seitdem genieße ich Sexualität um ein vielfaches mehr, denn die Variationsbreite hat sich gewandelt, von Schmalspur zu multidimensional. Seit wir beide diesen Schalter im Kopf umgelegt haben ist einfach nicht mehr klar, wohin es führen wird wenn wir miteinander schlafen oder uns gegenseitig Lust bereiten. Das lässt Raum für den Augenblick und hat mich unglaublich erleichtert. Mal ist es still und meditativ, mal führt es in eine große Lustwelle. Mal kommt er, mal komme ich und manchmal wir beide zusammen. Alles ist schön und was zählt, ist die Begegnung. Das Hinspüren. Das Einlassen.

Wäre es nicht schön, wenn sich noch mehr Männer eingestehen würden, dass sie nicht jeden Tag gleich sind? Und dass der Orgasmus eine feine Sache ist, so als Sahnehäubchen oben drauf. Aber nicht das einzig spannende auf dem Kuchenteller?

Clea Nuss-Troles

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